© Rocky Mountaineer
Kanada

Der Rocky Mountaineer

Es ist kurz vor 7 Uhr morgens, ich stehe am Bahnhof von Vancouver und meine Müdigkeit ist wie verflogen. Ich freue mich nur noch auf meine bevorstehende Reise – 2 Tage mit dem berühmten Rocky Mountaineer durch Kanadas Westen, fast 1.000 Kilometer unberührte Natur, rauhe Canyons und wilde Flüsse. Der Zug wird uns über die Canadian Pacific Railway führen; genau die Strecke, die vor über 100 Jahren die „Zivilisation“ in den Westen gebracht hat.

Endlich geht es los, der Zug verlässt langsam Vancouver. An Bord gibt es erst mal ein wunderbares Frühstück, während das Tiefland am Fraser River an uns vorbeizieht. Schon bald schlängelt sich der Zug durch den beeindruckenden Fraser Canyon, benannt nach Simon Fraser, der 1808 eine Expedition durch dieses Gebiet führte. Am engsten Punkt der Schlucht, dem Hell’s Gate, verlangsamt der Zug auf „Kodak speed“ – so lässt sich die nur 30 Meter breite Felsenge, die der Fluss donnernd durchfließt, optimal fotografieren.

Überhaupt garantiert die Reise mit dem Rocky Mountaineer einzigartige Aussichten und ungetrübte Entdeckungen, unter anderem durch einen besonderen Wagon, der mit einem Glasdach versehen ist. Nur tagsüber wird gefahren, am Abend hält der Zug, geschlafen wird in komfortablen Hotelzimmern.

Ich genieße die Sonnenstrahlen und den frischen Fahrtwind, während ich nach Schafen, Reiher und Fischadlern Ausschau halte. Es ist gegen Mittag und die Gleise folgen nun dem Thompson River, der sich bald zu dem wunderschönen, 40 Kilometer langen Kamloops Lake verbreitert. Am Ende des Sees erreichen wir die Kleinstadt Kamloops, unser Halt für die Nacht.
85.000 Einwohner leben in der ehemaligen Minenstadt, die dank ihres alten Charmes und des milden Klimas heute hauptsächlich vom Tourismus lebt. Am Bahnhof angekommen, warten schon Busse, die uns bequem zu unserem Hotel bringen. Erschöpft aber glücklich von den vielen Eindrücken der abwechslungsreichen Zugfahrt schlafe ich schnell ein.

Bei Sonnenaufgang geht es wieder weiter. Der Bus hält praktischerweise direkt neben unserem Wagon, wo uns die Zugbegleiterinnen Susan und Alica lächelnd begrüßen. Am Frühstückstisch geselle ich mich zu Beth und Bill aus Florida. Es ist einfach auf der Zugfahrt freundliche Menschen kennenzulernen. So plaudern wir über unsere Reiseerlebnisse während wir Shuswap Lake und Osprey Alley passieren.

Wir können bereits die ersten schneebedeckten Ausläufer der Rocky Mountains sehen, als wir an Craigellachie vorbeifahren. Hier wurden 1885 die letzten Bolzen in den Boden eingehauen und somit der Bau der Transcontinental Railroad abgeschlossen.

Die Landschaft wird immer bergiger als wir dem Illecillewaet Fluss entlang fahren. Susan und Alicia erklären uns, dass die Strömung die Steine im Flussbett abschleift. Die so entstandenen Teilchen verleihen dem Fluss seine bemerkenswerte blaue Farbe sobald das Sonnenlicht reflektiert wird.

Nach mehreren kleineren Tunneln fahren wir in den berühmten Spiral Tunneln ein. 1907 wurden diese Tunnel in zwei Bergmassive gebohrt. Davor waren vier Lokomotiven notwendig um einen Zug die extreme Steigung hochzubekommen. Als wir den ersten Tunnel verlassen, können wir unter uns die Tunneleinfahrt erkennen. Die Zugbegleiterin Alicia meint sogar, dass man bei langen Zügen das Zugende vom Tunnelausgang sehen kann, wie es in den Tunneleingang einfährt.

Ein paar Meilen weiter erreichen wir am höchsten Punkt unserer Reise bei 1.630 Metern die Kontinentalscheide Nordamerikas. Von hier fließen die Flüsse ostwärts.
Nach einem kurzen Halt in Banff, einer Kleinstadt im gleichnamigen Nationalpark, rollt der Rocky Mountaineer weiter Richtung Canmore und vorbei an den majestätischen Three Sisters Mountain. Übrigens wurde hier 2005 der Film „Brokeback Mountain“  gedreht.

Der Tag endet und wir können schon die Lichter Calgarys sehen, die Endstation unserer Reise. Zwei Tage unvergessliche Eindrücke und Erlebnisse auf einer einzigartigen und sehr komfortablen Art Kanada zu entdecken.

Titelbild: © CTC

Autorin: Dr. Claudia Hellmann
Originaltext übersetzt und gekürzt von Jörg Gürster, mit freundlicher Genehmigung von Spotlight Verlag

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