Kanada

Wie Unternehmer aus Europa das Annapolis Valley verwandeln

10/05/2015

Wie Unternehmer aus Europa das Annapolis Valley verwandeln

Hanspeter Stutz und Pete Luckett, beide europäische Auswanderer in erster Generation, haben die letzten Jahre in den Seeprovinzen an der kanadischen Atlantikküste verbracht. Durch ihren Unternehmergeist wurde es möglich, dass das Annapolis Valley in Nova Scotia heute auch in Tourismusbroschüren, Weinführern und kulinarischen Führern auftaucht. Und sie haben noch mehr Einfälle…

Als der Schweizer Berater Hanspeter Stutz vor 20 Jahren in Nova Scotia ankam, war er eigentlich auf Wunsch eines deutschen Pharmazeuten angereist: Innerhalb einer Woche sollte ein Stück Land ausfindig gemacht werden, um darauf einen etwa 40 Hektar großen Heilkräutergarten anzulegen. Basilikum, Estragon und Rosmarin gehörten in europäischen Lebensmittelläden bereits zum Sortiment, ebenso ein Dutzend anderer Kräuter, während in kanadischen Essensgeschäften damals höchstens Schnittlauch und Petersilie verkauft wurden.

Auch an anderen Dingen fehlte es in den Seeprovinzen. Mehr als ein Jahrhundert zuvor waren Schiffe mit Kurs auf die Karibik in See gestochen, die erst Fisch geladen hatten und dann mit Rum zurückgekehrt waren; das Rumtrinken kultivierte man in der Provinz weiterhin, doch ein Feinschmeckerlokal gab es weit und breit nicht. „In den frühen Neunzigern hatte man an der kanadischen Atlantikküste noch nie etwas von Sommeliers gehört.“, erzählt Stutz, „und beim Essen war die Menge entscheidend. Jeder wollte nur einen vollen Teller vor sich haben.“

Zehn Jahre später wurde Stutz erneut von seinem früheren Mandanten kontaktiert. „Hanspeter, ein Weingut steht zum Verkauf.“ Es befand sich am Ufer des Minas-Beckens in der Bay of Fundy. Kanada verbanden die Europäer zur damaligen Zeit mit Hockey, Niagara war für sie ein großer Wasserfall und Nova Scotia hinterste Provinz, fast menschenleer und abgeschieden. Nichts davon wurde im Entferntesten mit Wein in Verbindung gebracht. Stutz besprach sich mit seinem Sohn, der schon fast erwachsen war und den Tod der Mutter verarbeiten musste, die kurz zuvor gestorben war. „Es war genau der richtige Zeitpunkt um zu sagen: ‚Na los, auf zu neuen Ufern!‘“
Während sein Sohn Jürgenpeter in der Schweiz studierte, um alles über die Weinherstellung zu lernen, wurden 12 Hektar des ältesten Weinbergs an der kanadischen Atlantikküste auf Vordermann gebracht, neu bepflanzt und umbenannt. Heute ist Jürgenpeter Winzer in der Domaine de Grand Pré; seine Frau Cecilia ist für das Probierzimmer und den Laden zuständig. Und wie es das Schicksal wollte, heiratete Hanspeters Tochter Beatrice einen Meisterkoch und so kam die Idee auf, ein Restaurant an das Weingut anzuschließen, um zu füllen, was Stutz als „kulinarische Lücke“ bezeichnete. Heute ist Beatrice‘ Ehemann Jason Lynch, der sein Handwerk an der Cordon Bleu erlernt hat und noch vor der Zeit der Familie Stutz zufällig in der Nähe des Weinguts aufwuchs, Chefkoch im „Le Caveau“, schon seit 2007. Damals verwandelte er es von einem Restaurant mit nordeuropäischer Küche in einen Gourmet-Tempel , wo heimische Produkte verarbeitet und mit Weinen aus der Region serviert werden. Innerhalb von drei Jahren bekam Lynchs Küche jene Anerkennung, nach der er strebte.

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Eine Berühmtheit beehrt die Stadt

Im Jahr 2000 erwarb ein Engländer namens Pete Luckett eine Farm; obwohl diese nur wenige Kilometer entfernt vom Anwesen der Stutz‘ liegt, waren sie doch auf völlig unterschiedlichem Wege ins Annapolis Valley gekommen. Luckett hatte England im Alter von 25 verlassen, um ein „Welt-Abenteuer“ zu erleben, wie er es nennt. Seit seinem 15. Lebensjahr war er Straßenverkäufer in Nottingham gewesen, „mit einem großen Wagen mit großen Rädern“, erzählt er, „damit bahnt man sich den Weg, hat diese kleine Überdachung obendrauf und solche Hängewaagen, ‚ein Paar für die Hälfte, zwei Paar Bananen, los jetzt, vorwärts mit den Beinen, der Körper kommt schon hinterher.“ Er ist der Meinung, das sei eine gute Schule für ihn gewesen. Sein Vorgesetzter und Mentor brachte ihm bei, wie man mit Kunden spricht, Ware anpreist, Qualität erkennt und er lehrte ihn auch alles über das Geschäft mit Obst und Gemüse. „Ich trug immer Frack, Zylinder, eine große hellgrüne Fliege und quatschte alle Kunden an, tanzte mit ihnen, umarmte und küsste sie und machte verrücktes Zeug – einfach nur, weil Showtime war. Das hat mir mein alter Mentor eingeschärft: ‚Pete, wir machen Geschäft mit guter Stimmung, nicht mit Lebensmitteln.‘ Diese Worte werde ich niemals vergessen.“

Im Jahr 1979 verkaufte Luckett seinen Wagen, um auf Weltreise zu gehen. Am Ende landete er im Süden der USA, wo er ein Pulver gegen Kakerlaken verkaufte. Obwohl er der beste Mann im Vertrieb war und ein kleines Vermögen anhäufte, wie er sich ausdrückt, bekam er die Greencard nicht und bewarb sich deswegen sowohl in Australien als auch in Kanada für die Zuwanderung. Die Kanadier luden ihn zuerst zum Gespräch ein. Einen Monat später erhielt er seine Papiere, fuhr nach Alberta und begab sich dann auf eine Reise quer durchs Land. Als er 1982 in New Brunswick ankam, nahm Luckett seine letzten 300 Dollar, um einen Ein-Mann-Obststand im hinteren Teil des Saint John City Markets aufzumachen. „Dort hat es klein angefangen und ist dann gewachsen.“, berichtet Luckett. „Mein Bruder und meine Schwester kamen einige Jahre später von England rüber und wir eröffneten ein paar Läden. Die beiden sind in New Brunswick geblieben. 1992 bin ich hier runter gezogen.“

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Dass sein Name heute überall in Nova Scotia bekannt ist, Luckett sich solcher Beliebtheit erfreut und derart erfolgreich ist, hat noch einige andere Gründe. Er, der noch nie abgewartet hatte, dass die Kunden von allein kommen, ging mit seinen Marktschreier-Rufen offensichtlich einigen gehörig auf den Geist. „Hundert Jahre lang war das ein ruhiger Markt gewesen – bis ich kam.“, fährt Luckett fort. „Eines Tages sprang der Fleischverkäufer über seine Theke und brüllte „Halt endlich die Klappe!“ Eigentlich bin ich sonst nicht aufs Kämpfen aus, aber im nächsten Moment lagen wir schon mitten auf dem Markt am Boden und prügelten uns, wir verhauten einander so richtig − total verrückt.“ Am nächsten Tag titelten die Zeitungen ‚Neuer Obst- und Gemüsehändler aus England bringt Pächter am City Market gegen sich auf‘; am Ende brachte ihm das Interviews beim Radiosender CBC und damit seine erste kostenlosen Werbung ein.

Diese Aufmerksamkeit führte bald zu einer zweimal wöchentlich in ganz Kanada ausgestrahlten Fernsehsendung, in der der „Leckerbissen des Tages“ präsentiert wurde. Ein Jahrzehnt später ging es mit einer Show auf dem Fernsehsender des Food Network weiter, die Luckett und ein Filmteam rund um den Globus begleitete, auf der Suche nach ungewöhnlichen Nahrungsmitteln. „Es gab kein Drehbuch, sondern wir legten einfach so los. Da haben wir irgendwo wildwachsende Süßkartoffeln entdeckt, eine davon ausgegraben, sie gemeinsam mit den Eingeborenen zubereitet, dann hab‘ ich mit jemandem gequatscht, dabei liefen die Kameras und das war’s dann.“
Mit dem Erwerb des Farmhauses im Jahre 2000 tauschte Luckett Stadt- gegen Landleben. Er wollte inzwischen etwas in der Landwirtschaft machen. „Mein ganzes Berufsleben hat sich um Nahrungsmittel gedreht: Ich hab‘ sie rumgekarrt, damit gehandelt, sie im Einzel- und Großhandel vertrieben, sie verkauft, gekocht, beworben und die Idee, mit der landwirtschaftlichen Komponente den Kreis zu schließen, reizte mich einfach. Also entschloss ich mich, von da an auf dem Land zu leben und habe dieses Farmgelände gefunden. Ein altes und runtergekommenes Farmgelände, ganz anders als heute. Man sah nur Wiese, nichts als alte Heufelder. Es gab keinen einzigen Baum oder Strauch oder Busch, keine Pflanzen, einfach überhaupt nichts wuchs hier, aber es war ein schönes Plätzchen. Darum hab‘ ich die Farm einfach gekauft und mit dem Anbau von Äpfeln, Birnen, Pflaumen, Pfirsichen, Kirschen, Brombeeren, Blaubeeren, Artischocken, Johannisbeeren und schließlich Trauben begonnen. Wir haben 40 Hektar Land und verkaufen die Obsternte an unsere Lebensmittelläden. Im ersten Moment habe ich noch Trauben angepflanzt und im nächsten hatte ich ein Weingut. So führte eben eins zum anderen.“

Die Nachbarn liegen auf der Lauer

Zunächst skeptisch, was die Erfolgsaussichten der Produktion von hochwertigem Wein in Nova Scotia anging, behielten die ortsansässigen Farmer die Europäer und ihr großes Vorhaben genau im Auge; doch in Hanspeters Geschäftsmodell war mehr als nur Wein vorgesehen. Er wollte einfach alles in Spitzenqualität anbieten und den Leuten im Ort zugänglich machen und er war zuversichtlich, dass er damit Erfolg haben würde. Zusätzlich zu Weinkellerei und Restaurant bietet er auf der Domaine de Grand Pré nun auch einen Weinclub, Wein- und Kochabende, Wein- und Käseverköstigungen sowie einen wöchentlichen Martini-Abend an und richtet außerdem Hochzeitsempfänge aus – all das unter einer blumenumrankten Pergola, auf der Veranda mit Blick über die gepflegten Gärten, oder im heimeligen Restaurant mit Schweizer Ambiente.
Außerdem schöpfte Stutz das touristische Potenzial des Areals aus. Grand Pré zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe, weil es Schauplatz der Geschichte von Akadiern und Mi’kmaq war und außerdem ein 1200 Hektar großes, unter Meeresspiegel-Niveau errichtetes Deichsystem hat. Eine weitere Attraktion ist die Bay of Fundy, wegen ihrer spektakulären Gezeiten und Fauna.

Im August kommen 20000 Strandläufer in Schwärmen von Neufundland und Labrador hierher und nutzen diesen Strand zum Rasten, bevor sie runter nach Mexiko fliegen“, so Stutz. „Wahnsinn! Und im Sommer halten sich hier Tausende Kolibris auf, bevor sie 76 Stunden nach Südamerika fliegen.“ Auch Luckett erkannte das touristische Potenzial. Als besonderes Extra für seine Gäste stellte er eine englische Telefonzelle inmitten seiner Weinreben auf, von der aus man kostenlos überall in den USA anrufen kann. Ein Volltreffer, der die Marke Luckett umso kultiger machte.

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“Man hört die Leute am Telefon sagen”, erzählt er, Du errätst nie, wo ich gerade bin. Nämlich auf einem Weingut in Nova Scotia!‘ Und dann sprechen sie mit jemandem in Kalifornien und es macht ihnen Riesenspaß. Das gehört mit zum Wohlfühlpaket. Deswegen ist die Telefonzelle auf unseren Flaschen und unseren Markenartikeln abgebildet.“

Die Ideen des Schweizers und des Engländer scheinen immer weiter zu sprudeln. Ihre Erfolge wissen auch die Nachbarn zu schätzen, die vom Engagement, der Motivation und dem Mut der beiden profitieren. Jeden Herbst klappert nun ein englischer Doppeldecker-Bus an sieben Wochenenden den ganzen Tag lang eine Route mit teilnehmenden Weingütern ab. Touristen besuchen nach dem Prinzip „hop on, hop off“ beliebige viele Weingüter, um sich eine fachkundige Einführung anzuhören, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und um Wein zu verkosten. Jeder Besuch endet rechtzeitig, damit der Bus wieder „Hop offs“ abladen und die „Hop ons“ einladen kann. Luckett plant, irgendwann seinen eigenen englischen roten Doppeldecker zu importieren, der perfekt zu seiner Weinberg-Telefonzelle passen würde.

Auf den Herbst folgt das Eiswein-Fest im Februar, das mit Wintersport-Aktivitäten auf Weingütern in der gesamten Provinz gefeiert wird. Stellen Sie sich dazu dampfende Curries und Suppen, Eiswein-Bars, Rodeln und Ausfahrten mit dem Pferdeschlitten vor.

Doch die beiden sind noch lange nicht fertig. Neben dem Annapolis Valley könnten sie auch ihre jeweiligen Anwesen zum Ziel für Touristen machen. Stutz plant, sein 1826 erbautes Heim in einen Gasthof umzuwandeln und Luckett strebt an, ein Gourmetrestaurant, ein Amphitheater und ein Hotel auf seinem Weingut zu errichten, von dem aus man die berühmten Gezeiten beobachten kann.
„Am Samstagmorgen siehst du eine ganze Kolonne vom nur zwei Stunden entfernten Halifax hier ins Tal kommen, wegen der Weinlese und um den Bauernmarkt und die Weingüter zu besuchen“, schwärmt Stutz. „Das macht die Schönheit hier aus.“

Fotos: © Elizabeth Willoughby

Originaltext von Elizabeth Willoughby
Übersetzt aus dem Englischen von Stefanie Schlatt.