Weltweit

Kunst mit Spänen – Fronleichnam in Santana de Parnaiba, Brasilien

Es ist kurz vor Mitternacht. Die nächtliche Ruhe weicht dem Stimmengewirr und den Schritten der Dorbewohner, die sich dem historischen Zentrum nähern. Beladen mit Säcken, Eimern und Blaupausen eilt jeder zu seinem vorbestimmten Platz um seinen Teil des Plans zu erfüllen.

Aber das ist kein politischer Aufstand oder Staatsstreich. Es ist Fronleichnam in Santana de Parnaiba und dieser Feiertag wird auf eine ganz besondere Weise von den Dorfbewohnern gefeiert. Mit gefärbten Sägespänen entsteht auf den Straßen der Stadt ein drei Kilometer langer Teppich aus Mustern und Bildern, der an der Kirche von Sant’Ana beginnt und auch dort wieder endet. Als Vorlage dient ein drei Meter langes Bildmuster, dass vom Pfarrer zuvor entworfen wurde. Ist das Straßen-Kunstwerk fertig folgt eine feierliche Prozession dem Teppich-Bild.

Die notwendigen Sägespäne kommen aus der nahe gelegenen Möbelfabrik. 1.700 Säcke (vier LKW-Ladungen) davon werden für das Teppichgemälde verbraucht. Das Einfärben übernehmen die Dorfbewohner selbst. Um rechtzeitig am Nachmittag zur Messe und der Prozession fertig zu sein, beginnen die Künstler mit Ihrer Arbeit bereits weit vor Sonnenaufgang. Immer dabei: Der Wunsch nach ruhigem, trockenen Wetter.

Wer hat’s erfunden?

Die Bewohner von Santana de Parnaiba haben eine besondere Beziehung zu der Geschichte ihrer Stadt. Immerhin ist Santana de Parnaiba mit 421 Jahren älter als das nur 35 Kilometer entfernte São Paulo. Das historische Zentrum wurde aufwendig restauriert und wird von den Erben liebevoll gepflegt.
Tatsächlich ist die kunstvolle Komposition von Sägespänen eine eher junge Tradition, erfunden von Emília Gil d’Assunção, die eigentlich nur eine Lösung für ein privates Problem suchte.

1967 fiel Fronleichnam auf den gleichen Tag wie O Dia dos Namorados, Brasiliens Version des Valentintags. Die 31-jährige Emilia arbeitete damals als Lehrerin in Santana de Parnaiba. Wie jedes Jahr zu Fronleichnam erwarteten ihre Eltern Sie zu Hause in Salto de Itu. Emilia wollte aber bei ihrer neuen Liebe bleiben, sie konnte ihrem Vater aber auch nichts von ihrem neuen Freund erzählen.

Verzweifelt suchte sie nach einem Grund, warum sie in Santana bleiben muss und kam schließlich auf die Idee mit dem „Teppich-Gemälde“. Sie überzeugte den Pfarrer, den Bürgermeister und den Schuldirektor von ihrer Idee und so entstand der erste Teppich auf den Straßen von Santana de Parnaiba. Der Rest ist Geschichte.

Fronleichnam in Santa de Parnabia heute

Heute zieht die einzigartige Fronleichnam-Tradition von Santana de Parnaiba jedes Jahr über 30.000 Besucher an. Die Menschen beobachten, wie der Teppich Gestalt annimmt, besuchen die Messen, stöbern auf dem Markt nach brasilianischer Handwerkskunst oder wohnen der anschließenden Prozession bei.

Emilia selbst nimmt schon seit 1971 nicht mehr am Entwerfen des Straßenteppichs teil. Sie ist schon viele Jahre mit ihrem damligen Freund verheiratet, und Santana de Parnaiba feiert Fronleichnam immer noch auf diese besondere und bezaubernde Weise.

Fotos: © Elizabeth Willoughby

Originaltext von Elizabeth Willoughby
Übersetzt ins Deutsche: Jörg Gürster